Donnerstag, 15. Juni 2017

Als ich noch Tier war

Als ich noch Tier war, nahezu, mich noch hineinzudenken wusste in einen Hund, der einsam streunt durch die Nacht, als ich noch blutsverwandt war mit den mondsüchtigen Wölfen, scheu und wild, als ich noch laut zu heulen wusste, als Scham mir noch fremd war wie alles nie Gesehene, nie Gehörte, nie Erlebte, als ich noch erdverbunden schlief, geborgen im Finstern, wissend um den Mond, als mein Bauch mir noch Kompass war durch den Tag und durch die tiefgrüne Welt, als ich noch Tier war, nahezu, und die Städte nur streifte und etwas in mir doch schon wusste, dass die Lichter einen Reiz ausüben würden, dem ich eines Tages nicht mehr würde widerstehen können, als ich noch nahezu Tier war mit dem Willen eines Tieres und dem gesunden Instinkt und aber auch der Neugier und einem Sehnen, das ich erst im Nachhinein würde erkennen und benennen können, wenn es zu spät wäre, um die Evolution zu stoppen, die doch eine Folge eben dieser Unbändigkeit ist, nach der ich mich heute manchmal zurücksehne, da ich schon längst nicht mehr nahezu Tier bin, aber sehr genau und tief eingegraben in mir immer noch darum weiß, für immer weiß.

Samstag, 3. Juni 2017

Diese Art Stummheit

Diese Art Stummheit, die nicht daher rührt, dass die Worte fehlen, sondern daher, dass keine Worte nötig sind.

Freitag, 19. Mai 2017

Es ist dir verboten ... (eine kleine Polemik)

Es ist dir verboten ...

... den Mund aufzumachen, wenn die Erwachsenen sich unterhalten.
... dem Lehrer zu widersprechen.
... in der Kirche laut zu lachen.
... bei Rot über die Straße zu gehen.
... einen kurzen Rock zu tragen.
... deinen Freund mit aufs Zimmer zu nehmen.
... bis weit in den Tag im Bett zu liegen.
... das Tun deiner Eltern in Frage zu stellen.
... am Wort Gottes zu zweifeln.
... zu begehren.
... Geschlechtsverkehr vor der Ehe zu haben.
... deinen Körper zu zeigen.
... dein Haar offen zu tragen.
... den Pfarrer gewisser Dinge zu beschuldigen.
... den Namen des Herrn unnütz zu gebrauchen.
... Andersgläubige oder ihren Gott zu beleidigen.
... deinen Gott zu verleugnen.
... dich vom Glauben abzuwenden.
... deinen Glauben offen zu bekennen.
... deine Kinder nicht impfen zu lassen.
... deine Organe nicht zu spenden.
... in der Öffentlichkeit zu rauchen.
... dein Antlitz zu verhüllen.
... dein Haar zu bedecken.
... dein Kreuz zu tragen.
... ein Geheimnis zu haben.


Es ist dir all dies und noch viel mehr verboten, denn dies ist eine freie und friedliebende Gesellschaft, die mit Vorliebe und voller Weisheit Verbote erlässt, damit niemand durch Abweichungen irritiert wird oder gar provoziert, zum Widerspruch gereizt und einen Streit vom Zaun bricht, der eskalieren könnte, da wir es nicht gewohnt sind, Unbekanntes hinzunehmen und Unliebsames auszuhalten Dies ist eine freie Gesellschaft, deren vielzählige Verbote ebendieser Freiheit und dem inneren Frieden dienen, denn wir sind zu verwöhnt und zu empfindsam, um Störendes auszuhalten, da geraten wir leicht aus der Bahn und sind schnell auf Hundertachtzig, nicht mehr kommunikationsbereit und -fähig, da wird es schnell gefährlich, so empfindlich und harmoniebedürftig sind wir. Da ist es einfach gut und wichtig, dass Papa und Mama Staat uns mit ihrer weisen Verbotgebung schützen, vor allem vor uns selbst und unserer eskalationsbereiten Natur. Deshalb sagen wir auch gerne Ja und Amen zu immer neuen Verboten jeglicher Art, ob es nun um böse, böse Worte geht, um gefährliches Gedankengut vom linken oder rechten Rand, um Zigarette, Impfung, Kopftuch oder Kreuz. Danke, Papa und Mama Staat. Ja, Papa und Mama Staat. Danke, dass alles bis ins kleinste Detail so super geregelt ist und wir uns über nichts mehr Gedanken machen müssen. Und bitte, bitte regelt doch noch viel mehr, noch viele, viele kleine Details unseres alltäglichen Lebens mehr, damit unser Zusammenleben immer einfacher wird, überschaubarer und dadurch freier und friedlicher. Danke, lieber Staat. Und Amen. Und aus.

Sonntag, 14. Mai 2017

Zum Muttertag: „Mein vagabundierendes Herz“ oder Meine geheime Superkraft

„Die Schauspielerin Helena Bonham Carter sagte in einem Interview auf die Frage, was sich durch ihre Mutterschaft verändert habe: ,Du siehst dein Herz auf der Straße spazieren!‘ Meines ist gleich mehrfach unterwegs und ich kenne niemanden, der mehr Zugriff darauf hätte als unsere Kinder. Für sie würde ich alles stehen und liegen lassen, um die ganze Welt reisen und mich in die Höhle jedes Löwen begeben. Über diese Kraft wird manchmal gelächelt, viel gespottet und allzu oft hinweggesehen. Doch davon leben kleine und große Kinder, weil sie auf diese Weise mindestens einen sicheren Platz im Leben haben. Erst nehmen sie das Herz ihrer Mütter in Beschlag – und später mit in die Welt hinaus.“ (Martina Kreisler-Kos)

Über diesen Text ließe sich diskutieren, wollte man ihn verallgemeinernd oder unter Genderaspekten lesen. Ich lese ihn für mich und für den Moment ganz persönlich und subjektiv. Da trifft er hundertprozentig zu. (Ob meine Kinder das aus ihrer Warte bestätigen können, wäre noch mal eine andere Frage. :-) )
Mein Mutterherz funktioniert genau so. Es vagabundiert mit meinen Kindern durch die Welt. Das ist meine geheime Superkraft.

Dienstag, 2. Mai 2017

Es gab eine Zeit vor den Schulhöfen ...

Es gibt sie noch, die scheinbar sich selbst schreibenden Texte. Habe den folgenden gerade in meinem Entwurfordner gefunden und wollte ihn nicht löschen. Das tat ich mit den meisten anderen. Aber dieser hier bringt etwas in mir zum Klingen:

Es gab eine Zeit vor den Schulhöfen, da waren wir uralt. Uralt und weise. Weise genug eine Welt zu regieren. Eine Welt aus Blüten, Muscheln und Stein, aus Holz und aus Glas. Unsere Fähigkeiten waren immens, alles gehorchte uns. Alles bis weit hinauf ins All. Die Sterne verneigten sich vor uns und den komplexen Mustern, die wir aus den Steinen und den welken Blüten und den leeren Muschelschalen legten. Wir setzten Preise fest für Rindenstückchen und grünschimmerndes Glas. Wir hauchten jedwedem Ding Leben ein, indem wir ihm einen neuen Namen gaben, diesen zum Beweis in den Sand schrieben. Wir schufen Bleibendes, waren ungewaschen von allen Wassern. Wenn wir die Augen schlossen, wurden wir zu Geschwistern der Nacht und flogen mit ihr hinauf zum höchsten aller Gipfel, weit über den Wolken. Von dort zurück ins Tal war es ein Katzensprung. Und immer, immer landeten wir auf den Füßen. Wir waren unverwundbar. Heute sind wir sterblicher als jeder Wurm. Eines Tages werden wir uns ein letztes Mal in die Flut werfen [wahlweise in die Glut], in der Nase den Duft von Sonne und Schnee, von Asphalt und Brot und frisch geschnittenem Gras. Ein letzter Hauch von Kindheit. Dann endlich das Meer. Der salzige Leib. Der ewige Grund. [Wahlweise Feuer. Asche. Und Wind.]

Montag, 1. Mai 2017

Some day oder Wie ging das noch mal mit dem Bloggen?

Ich konstatiere: Es ist ein Leichtes, nicht zu bloggen. 
Immer seltener betrete ich meinen Garten und die Gärten der anderen. Am Anfang (vor etwa einem Jahr) fehlte mir die Zeit und ich beklagte das noch in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen. Das Schreiben fehlte mir. Der innere Drang war noch da, ich kam nur kaum noch dazu, ihm nachzugehen. Und dann war irgendwann auch dieser Drang verschwunden. Es fühlt sich gut an. Und irritierend zugleich. Irritierend gut.

Es gab diese Zeit, in der Schreiben mir eine Lebensnotwendigkeit war. Nun scheint die Not gewendet. Ganz im Ernst: Manche tiefsitzende Not ist tatsächlich (ab)gewendet. Ohne mein Schreiben wäre ich heute nicht an diesem Punkt, und zwar das Schreiben in dieser Form, auf diese Weise, also öffentlich im Blog, zunehmend persönlich (nie oder höchst selten aber privat!), mich ausprobierend, Grenzen auslotend, neugierig, freudig, in steter Entwicklung begriffen, wachsend an mir selbst und an der Auseinandersetzung mit Text und Leserschaft usw.

Brauche ich das Schreiben nicht mehr?
Was ist mit den angefangenen Geschichten?
Was ist mit dem, das brannte und nun nur noch glimmt?

Wie ging das noch mal mit dem Bloggen?

Vor einigen Wochen (oder sind es schon wieder Monate?) begann ich, wieder mehr in anderen Blogs zu lesen. Aber auch das schlief mit der Zeit ein. Hin und wieder mache ich kleine Stippvisiten, möchte den Faden nicht ganz abreißen lassen (vermute zumindest, dass dies der Grund ist). 

Es ist wie es ist, um es ganz einfallslos mit einer Plattitüde zu sagen.

Und hier ist nach wie vor mein Garten, dieser allein meinige (wie wichtig mir das immer war!), und ich liebe ihn nach wie vor. Für das, was er mir ermöglicht hat und für das, was er mir immer noch ist: ein Raum der freien Entfaltung und des Rückzugs.

Dies als Momentaufnahme mal eben eingeschoben und in die Freiheit, die Öffentlichkeit entlassen.
Bis die Tage (Wochen, Monate ...)


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(Kennt ihr, oder? Finde ich ganz wichtig und wunderbar.)


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Ach ja, und irgendwann blogge ich vielleicht doch mal darüber, wieso ich in Bezug auf Frauenrechte eine Veränderung im Sprachgebrauch für wichtig halte und warum ich eine Mail ans Museum Barberini geschrieben habe, in dessen aktuellen Ausstellungen doch tatsächlich exakt die Hälfte fehlt ... 
Wie gesagt: Irgendwann.